Verschwindet der Journalismus im Bermuda-Dreieck?

An der Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (SGKM) hat Stephan Russ-Möhl von der Università della Svizzera italiana einen Blick Richtung Westen geworfen und seine Analyse des Medienmarkts der USA präsentiert.
Dort hat der wirtschaftliche Niedergang von Printmedien schon viel früher eingesetzt als in der Schweiz. Spannend fand ich den Hinweis auf die konjunkturelle Abhängigkeit des Anzeigevolumen. Seinen Ausführungen zufolge nehmen die Werbeschaltungen bei einem Wirtschaftswachstum von 5 Prozent um 11 Prozent zu. Bei einem wirtschaftlichen Abschwung von lediglich 1 Prozent reduziert sich das Anzeigevolumen hingegen um 7 Prozent. Daraus ist unschwer zu schliessen, dass das wirtschaftliche Risiko eines Medienunternehmens zunimmt, je grösser der Anteil der Werbeerträge am Gesamtertrag wird.

Und ein zweiter Input, den ich mitnehme, ist die Frage, inwiefern das zunehmende Ausmass der Public Relations die Werbeausgaben von Unternehmen reduziert. Oder anders gesagt: Müssen Zeitungen, die ihr Personal reduzieren und deshalb mehr externe Meldungen übernehmen, schlussendlich auch mit sinkenden Werbeerträgen rechnen, weil Unternehmen ihre Botschaften besser mittels Public Relations verbreiten können und somit weniger auf Werbung angewiesen sind?

Weitere gute Erkenntnisse lieferten Patrick Donges und Stephanie Schwab von der Universität Zürich. Sie haben in ihrer Studie «Beziehungsspiele im Bundeshaus» die Interaktion zwischen Parlamentarierinnen bzw. Parlamentariern und politischen Journalistinnen bzw. Journalisten untersucht. Ihr vorläufiges Fazit – die Datenanalyse ist noch nicht abgeschlossen – besteht aus vier Punkten:

  1. Auf beiden Seiten dominieren altruistische Selbstbilder und interessenorientierte Fremdbilder.
  2. Die Kontaktaufnahme wird mehrheitlich von den Medienschaffenden initiiert. Lediglich ein Drittel der Parlamentarier/innen tritt mehrmals pro Monat von sich aus auf Medienschaffende zu.
  3. Während den Sessionen gibt es doppelt so viele Kontakte.
  4. Je häufiger Kontakte stattfinden, desto weniger Konflikte entstehen zwischen den beiden Seiten.
In eine ähnliche Richtung stossen Roger Blum von der Universität Bern und Marlis Prinzing (Universität Fribourg und Università della Svizzera italiana) vor. Sie haben die Beziehung zwischen Medienschaffenden im Bundeshaus und Chefbeamtinnen bzw. Chefbeamten beleuchtet. Ihre Erkenntnisse:

  1. Eine grosse Äquidistanz zwischen Chefbeamtinnen bzw. Chefbeamten und Medienschaffenden. Nur 47 Prozent der Chefbeamtinnen und –beamten tauschen sich regelmässig mit Medienschaffenden aus. Ein befragter Generalsekretär dazu: «Die besten Gespräche führt man mit einem Journalisten, wenn man pensioniert ist.»
  2. Die Beziehung ist geprägt von fachlicher Natur, kaum von freundschaftlicher.
  3. Keine dichte Elite-Integration.

Bereits am Donnerstag hat es ein paar spannende Referate gegeben. In seiner Keynote «Das Publikum streut sich» hat Uwe Hasebrink beispielsweise einige Trends der Nutzungsforschung aufgezeigt:

  1. Stabiles Nutzungsverhalten alle Gruppen zusammen, aber unter der Oberfläche grosse Veränderungen.
  2. Konzentrationstendenzen der Medientitel (wenig Medien mit grosser Relevanz, viele Medien mit geringer Relevanz).
  3. Parallele Existenz im Internet.
  4. Kommunikationsdienste rücken zusammen, verlieren ihre eigene Funktionalität aber nicht.

Anschliessend zeigte Nina Bender von der Wemf drei Probleme einer zuverlässigen Mediaforschung:

  1. Repräsentativität der Telefonstichprobe nimmt ab, weil 17 Prozent der Bevölkerung gar nicht mehr im Telefonbuch eingetragen ist.
  2. Abnehmende Teilnahmebereitschaft
  3. Komplexere Presselandschaft (mehr Titel) führt zu Verwechslungsgefahr (z. B. bei den unterschiedlichen Ausgaben von Blick oder bei Programmzeitschriften)




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