Noch jünger als ein Primeur

Seit heute beschäftigt mich die Frage, wie man einen Primeur nennt, den man schon kennt, bevor er einer wird. Eine heikle Sache.Was verbindet Winzer mit Journalisten? Für gute Primeurs kriegen französische Weinbauern regelmässig Medaillen, Medienschaffende von ihren Vorgesetzten lobende Worte und vielleicht mal eine Beförderung. Als Primeur bezeichnet man ausserhalb der Önkologie jedoch nicht den ersten Beaujolais im neuen Erntejahr, sondern die erste und alleinige Veröffentlichung einer mehr oder weniger brisanten Geschichte. Seit heute beschäftigt mich die ungeklärte Frage, wie man einen Primeur nennt, den man schon kennt, bevor er einer wird.

Heute Morgen steige ich in den Zug und kämpfe mich zum Speisewagen vor. Er ist gut besetzt. Ein älterer Herr trinkt bereits zu früher Stunde. Nicht Beaujolais, sondern Carlsberg. Ein anderer sitzt gut gekleidet vor einer Tasse Kaffee und blättert durch einen dicken Stapel mit Lottozetteln. Ein tüchtiger Geschäftsmann, der die Gewinnzahlen schon zu Jahresbeginn etwas polieren will? Ein eifriger Manager, der den Bonus vom letzten Jahr vermehren möchte? Oder ein verbissener Mathematiker, der die Wahrscheinlichkeit belehren will?

Ich lasse jedem seine Freude, drehe dem geschalten Herrn den Rücken zu und versuche in Ruhe Zeitung zu lesen. Doch bald lenkt mich seine laute Stimme ab. Er hängt am Mobiltelefon und spricht verheissungsvolle Worte. Die Rede ist von einer süffigen Geschichte, von dunklen Wolken, die über dem Hauptsitz einer Basler Bank aufziehen werden. Der Herr gibt freizügig die Telefonnummer eines Klägers bekannt, der noch brisantere Hintergründe in sechsstelliger Höhe nennen könne.

Am anderen Ende der Leitung sitzt Christian Mensch, der 2004 von Facts zur Basler Zeitung gewechselt hat und seither deren Rechercheteam leitet. Er hat diese Funktion inne, weil er besonders hartnäckig nachfragt. Berüchtigt ist er indes auch, weil er es immer irgendwie schafft, saftige Geschichten zu keltern, auch wenn gar nicht wirklich viele Trauben an der Rebe hängen. Doch diesmal könnte ihm wieder ein grosser Wurf gelingen. Ein wahrer Primeur, der vielleicht sogar die Börse erschüttern wird.

Doch wie nenne ich nun meine Geschichte? Insider, Fötus oder schlicht Traubensaft? Es gibt wohl tatsächlich keinen Begriff dafür, denn ein Primeur ist nicht dazu gedacht, dass er genossen wird, bevor er ein solcher geworden ist.

Es bleibt deshalb nur eines übrig: In nächster Zeit immer schön die Basler Zeitung lesen und daran denken, wenn es soweit ist. Nicht Christian Mensch hat die Auszeichnung für den Primeur verdient, sondern der unbekannte Lottospieler aus dem Speisewagen.

2 KOMMENTARE

  1. Netscout sagt:

    Danke fürs genaue Lesen. Wollte keine neue Wissenschaft gründen.

  2. A. Kaufmann sagt:

    Es ist zwar einiges über die positive oder negative Wirkung von Wein auf das Verhalten von Krebswucherungen bekannt. Dennoch denke ich nicht, dass aus der *Önologie* (Lehre des Weins) und der *Onkologie* (Krebsmedizin) bereits eine interdisziplinäre Ausrichtung namens *“Önkologie“* kreiert wurde.

    Trotz allem: Ein geistreicher, „zeigfingriger“ Beitrag, den man gerne liest.

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